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VAR verlangsamt das Spiel – Zeit für Umsatz mit Werbung?

Hätte der FC Bayern das Pokalfinale 2018 gewonnen, wenn Felix Zwayer in der Nachspielzeit nach Videobeiweis auf Elfmeter für die Münchner entschieden hätte? Möglich ist es, doch es kam anders. Und die Bayern waren bedient. Der Videobeweis ist bis heute keine Garantie für die immer fairste Entscheidung, Perspektiven und menschliche Entscheidungen spielen weiterhin eine große Rolle. Dennoch werden viele Fehlentscheidungen zurückgenommen, übersehene Tätlichkeiten oder Fouls können nachträglich geahndet werden. Fehlerfrei ist das System aber längst nicht. Die Premier League, in der der VAR nun ebenfalls vertreten ist, bemängelt fehlende Konstanz. Der Referees‘ Chief Mike Riley gab gegenüber der Premier League an, dass an den ersten vier Spieltagen, an denen sechs Entscheidungen nach Videobeweis geändert worden waren, weitere vier hätten geändert werden müssen. Die BBC berichtet von Elfmeter-Situationen, einem rotwürdigen Foul und einem Handspiel vor einem Ausgleichstreffer. Wenn das nicht erkannt wird, wie kann der VAR dann fair genutzt werden? Die Premier League aber ist zunächst damit zufrieden, sechs (von zehn) Entscheidungen richtigstellen zu können, die vor einem Jahr nicht berichtigt worden wären.

Auch in der Bundesliga gibt es immer wieder Kontroversen, beinahe wöchentlich. Im Spiel zwischen Düsseldorf und Wolfsburg letzte Woche gab es erneut einen Aufschrei.

Warum griffen die Video-Schiedsricher nicht ein?, fragt die FAZ. All diese Vorfälle zeigen, wie sehr die Verzahnung von Technologie, Spielregeln und Echtzeitentscheidungen noch optimiert werden muss – und dass womöglich noch weitere Systeme integriert werden müssen, soll das Spiel wirklich fairer gemacht und zugleich nicht von Disruptionen durchzogen werden. Derzeit sind aber Pausen aufgrund des Videobeweises gang und gäbe. Mitunter dauern sie Minuten. Könnten diese nicht kommerziell genutzt werden, fragen sich da Verbände, Ligen und Advertiser.

Das Potential der VAR-Werbepause

Bei der WM 2018 war der VAR zum ersten Mal auf der weltgrößten Fußballbühne im Einsatz. Und er trug prompt zu einer Rekordzahl an Strafstößen bei. Insgesamt hatte das System Einfluss in diversen Spielen, auch im Finale kam der Videobeweis erstmals zum Einsatz.

Nun wissen wir, dass das Werben bei populären Sportveranstaltungen äußerst effektiv ist, aber auch äußerst teuer. The Drum berichtet beispielsweise davon, dass Marken für einen 30-Sekünder bei ITVs Übertragung vom Halbfinale England gegen Kroatien in der Halbzeit an die 500.000 Pfund bezahlen sollten.

Und Werbetreibende wittern ihre Chance, dass mit dem VAR mehr Pausen im Spiel entstehen. Diese ließen sich monetarisieren. Laut Financial Times haben diverse Advertiser im Vorfeld der WM 2018 bereits bei der FIFA diesbezüglich angefragt. Die FIFA selbst erkenne die Pausen als „ungenutze Möglichkeit“ an. Dem Bericht zufolge denken bereits verschiedene Organisationen darüber nach, die entstehenden Pausen für kurze Werbung zu öffnen. In anderen Sportarten gibt es bereits solche Mini Ad Breaks. Aber kann das im Fußball funktionieren und wie würden Fans reagieren?

Langsameres Spiel = mehr Kommerzialisierung?

FIFA-Präsident Gianni Infantino bezeichnet den VAR als die Zukunft des Fußballs und das System etabliert sich nach und nach europa- und weltweit. Dabei ist eine Entwicklung jedoch nicht zu leugnen: das Spiel wird verlangsamt. Das hatten Gegner des Videobeweises und Befürworter von raschen Echtzeit-Tatsachenentscheidungen befürchtet. Eine Studie von Wissenschaftlern der Universtität in Vigo bestätigt das. Im Artikel „The impact of video speed on the decision-making process of sports officials“ von Jochim Spitz, Pieter Moors, Johan Wagemans & Werner F. Helsen wird darauf hingewiesen, dass die Verlangsamung, etwa durch Slow Motion-Betrachtung entscheidender Szenen, zu mehr geänderten Entscheidungen führen kann, oft also auch zu mehr objektiver Fairness. Dass diese dem Fußball aber etwas von seinem emotionalen Charakter nimmt, der aus diskutablen Situationen, Momenten der Unübersichtlichkeit und Überraschungen entsteht, ist ein weiterer Nebeneffekt, den auch Kjetil Kåre Haugen, Sport Management-Experte an der Universität von Molde, anerkennt; bei WIRED wird er zitiert:

The problem with the VAR system is that you make the game more fair. The more fair the sport is, the more it benefits the better teams.

So oder so, die Pausen während des Spiels werden mehr werden. Für den Fan wäre es schön, wenn sie kürzer würden, für die Spieler ohnehin. Aber das kann sicher bei kniffligen Situationen nicht immer gewährleistet werden. Die Rechnung ist dann für diejenigen, die die wirtschaftlichen Interessen der Verbände oder Ligen repräsentierten, recht einfach. Mehr Zeit, die der Zuschauer vor dem Gerät verbringt, bedeutet mehr Monetarisierungspotential. Warum das nicht in VAR-Pausen nutzen? Die Premier League ist bislang noch dagegen, man könne die Effekte des Videobeweises noch nicht absehen. Außerdem werden die Fans auch die Entscheidungsfindung des Schiedsrichters mitverfolgen wollen.

Die Frage wird sein, ob das die zuständigen Entitäten langfristig davon abhalten wird, beispielsweise 6-Sekünder einzubauen, wenn über eine strittige Situation entschieden werden muss. Immerhin braucht der Schiri ein wenig, bis er beim Bildschirm ist oder er muss auf verschiedene Ansagen aus Köln (etc.) warten. Außerdem ließen sich die Anzeigen, die den Fans im Stadion präsentiert werden, auch branden. Kommt das Ergebnis „No Goal“ zustande, könnte das durch XY präsentiert werden; der Advertiser wüsste schließlich, dass alle Augen auf die Tafel gerichtet wären.

Die Diskussion um den Videobeweis wird weiter heiß bleiben; denn die Fairness wird erst Stück für Stück optimiert. So kann man sich vorstellen, dass künftig neue Technologien in den Sport Einzug halten, etwa eine Torlinientechnik für alle Linien oder Wearable-Elemente, die via Machine Learning das Abseits technisch begründet immer erkennen. Bis dahin aber wird der VAR ein Thema bleiben; aber auch eines, das möglicherweise zu mehr Umsatz führt, weil es – neu wie es im Fußball seit wenigen Jahren ist – ganze neues Werbeinventar schaffen könnte. So wäre das Langsame am Spiel für einige Parteien womöglich doch ertragreich. Für Fans und Spieler hingegen würde sich das Spiel langsam, aber sicher extrem transformieren. Wohl oder übel.

Niklas hat in Hamburg Medien- und Kommunikationswissenschaft und Deutsche Sprache und Literatur studiert, dann seinen Master in Deutschsprachigen Literaturen angehängt. Seither schreibt er über Digital- und Marketing-Themen, ist als Fußballfan aber genauso daran interessiert, über Innovationen und spannende Entwicklungen im Fußball zu berichten.

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